Paracanthurus hepatus Paletten Doktorfisch

Ganz schön clever: Ein Palettendoktor zieht um & wird sozialisiert

Der Einzug in ein neues Aquarium ist ein Abenteuer für beide beteiligte Seiten — Fisch und Betrachter. Und wenn es gar der Zuzug eines bislang dominanten Palettendoktor zu einer wehrhaften Fischgesellschaft ist, wird es besonders spannend.

Dieser Artikel ist Teil einer Artikelreihe rund um „Erlebnisse mit Meerwasser-Aquarien“. Unser Autor Andreas Berns — Aquarienberater mit langjähriger Erfahrung mit Aquarien jeglicher Art und Größe — berichtet in dieser losen Sammlung anekdotisch und kurzweilig über besondere Aquarienbewohner, interessante Integrationsprojekte und kuriose Erlebnisse. Dabei gibt er auch wertvolle Tipps zur Haltung der beschriebenen Arten.

Bisher erschienen sind folgende Geschichten:

Ganz schön clever: Ein Palettendoktor zieht um & wird sozialisiert

Die Vorgeschichte

15 cm lang, wohlgenährt, kraftvoll und absoluter König in seinem Reich – das war der erste Eindruck, den „King“ (mein Bekannter gibt allen seinen Fischen einen Namen) — der Palettendoktor — auf mich machte. Er verhielt sich augenscheinlich ziemlich ruppig zu den anderen Mitbewohnern des mittlerweile für ihn viel zu kleinen Aquariums. Hiervon zeugte der respektvolle Abstand, den alle anderen Fische von ihm hielten — egal ob es gerade Fütterungszeit war, oder ob er einfach nur seine Runden durch das Aquarium zog.

„King“ suchte ein neues Zuhause, genauer gesagt wollte sein damaliger Besitzer sich unbedingt von ihm trennen, da er für das Aquarium zu groß, für die anderen Fische zu aggressiv und für alle neu hinzugesetzten Fische, die innerhalb der letzten 6 Monaten versuchten das Aquarium mit ihm zu teilen, absolut tödlich war. Also sollte er nach Möglichkeit schnellstens in ein neues Zuhause umziehen.

Palettendoktor in Natur und Aquarium

Vorweg ein paar Infos zur Fischart: Palettendoktoren (Paracanthurus hepatus) haben in der Natur ein sehr großes Verbreitungsgebiet. Man findet Exemplare von Ostafrika bis hin nach Japan. Paracanthurus hepatus sind (mit einigen Einschränkungen) für die Meerwasseraquaristik prinzipiell gut geeignete Fische.

Sie können recht problemlos sowohl in reinen Fischaquarien als auch im überwiegend mit Weichkorallen besetzten Riffaquarium gepflegt werden. Von der Aquarien-Vergesellschaftung mit Steinkorallen ist abzuraten bzw. dann muss auf die Filterung besonders geachtet werden, da die Wasserbelastung durch den enormen Stoffwechselumsatz der Doktoren sehr hoch ist. Dadurch nehmen entweder auf Dauer die Korallen Schaden oder aber die Doktoren müssten auf „Dauerdiät“ gesetzt werden, was wiederum den Fischen nicht zuträglich wäre.

Palettendoktoren leben in freier Natur oft reviergebunden im Paarverbund oder kleinerem Schwarm, wobei immer ein geeigneter zerklüfteter Korallenstock (meist Pocillopora eydouxi) als Rückzugsmöglichkeit vor Feinden dient. Der Begriff „reviergebunden“ ist jedoch recht großzügig zu definieren: Das gegen Artgenossen und andere ähnlich gefärbte Fische gleicher Größe erbittert verteidigte Revier, in welchem die Palettendoktoren weit über dem Meeresboden nach Plankton jagen, hat oft einen Radius von 5 bis 10 Metern.

Stets rastlos

Noch viel intensiver als andere Doktoren schwimmen die Palettendoktoren fast den ganzen Tag rastlos durch ihr Revier. Hierbei schnappen sie ständig nach schwebenden Futterpartikeln. Dieser Bewegungsmarathon wird nur regelmäßig unterbrochen, um verschiedenste Algen intensiv von unterschiedlichem Substrat abzuweiden.

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Paracanthurus hepatus werden in freier Natur bis zu 30 cm lang, im Aquarium erreichen sie selten mehr als 20 bis 25 cm Länge. Auch im Aquarium schwimmen die Fische scheinbar rastlos umher, sodass wir den Tieren unbedingt ausreichend große Becken mit viel freiem Schwimmraum bieten müssen. Gegenüber Artgenossen sind sie im Aquarium mit Ausnahme des Partners oder anderen Exemplaren, die gleichzeitig mit ihnen in das Aquarium eingesetzt wurden, meist unverträglich. Eine spätere Vergesellschaftung mit Artgenossen gelingt in der Regel nur, wenn deutlich kleinere Exemplare zugesetzt werden, die nicht den Anspruch der Revierdominanz erheben.

Dabei werden andere Aquarienmitbewohner von Palettendoktoren – besonders mit zunehmendem Alter – dominiert, oft auch tyrannisiert. Dies ist am besten durch große Aquarien zu vermeiden, in denen durch entsprechenden Dekorationsaufbau unterschiedliche Revierzonen geschaffen werden, die nicht direkt einsehbar sein sollten.

Grundsätzlich ist ja die geschilderte Teilunverträglichkeit älterer Palettendoktoren bei vielen anderen von uns gepflegten Fischarten ebenfalls nicht selten. Allerdings haben nur wenige andere Arten ein derartig effektives und gefährliches Skalpell zur Durchsetzung ihrer Ansprüche zur Verfügung wie die Doktoren. Die eindrucksvollste und meiner Meinung auch natürlichste Haltung geschieht in einem sehr großen Becken im Schwarmverbund von bis zu 10 Tieren. Hierbei ist zu beachten, dass die Tiere unbedingt gleichzeitig eingesetzt werden sollten und dabei auch von annähernd gleicher Größe sind!

Der Versuch

Nun aber wieder zurück zu „King“: Sein Verhalten schien mir erklärlich: ein mittlerweile zu kleines Aquarium mit nicht ausreichendem Schwimmraum, leicht fortgeschrittenes Alter (3-4 Jahre?), keine wehrhaften Aggressionspartner und Einzelhaltung ohne Artgenossen oder andere ähnlich große Mitbewohner hatten ihn zu einem kleinen Tyrannen werden lassen.

Fraglich war nur, ob die beschriebenen Verhaltensmuster nun dauerhaft bestehen bleiben würden — oder aber, ob es möglich wäre, ihn langsam „umzuerziehen“ und wieder gesellschaftsfähig werden zu lassen?

Ich wollte es versuchen und entschloss mich, „King“ in mein großes Riffaquarium zu übersiedeln.

Dieses Becken ist stark mit Felsaufbauten untergliedert, so dass verschiedene Schwimm- und Sichtreviere gebildet werden. Der Fischbesatz besteht hier neben einem Riffbarschschwarm überwiegend aus verschiedenen großen Doktoren (Zebrasoma flavescens, Zebrasoma desjardinii, Zebrasoma xanthurum) und Kaninchenfischen (Siganus unimaculatus). Alle leben nach einer ausgiebigen Phase der Machtkämpfe nun schon seit über 4 Jahren friedlich miteinander; sie coexistieren nicht nur, sondern schwimmen sogar im Schwarm durch das Aquarium.

Der Fischbesatz ist nun bereits seit ca. drei Jahren unverändert, lediglich einige Garnelen und Grundeln wurden neu eingesetzt.

Der Umzug

Vorsicht ist die Mutter der ….

Zebrasoma flavescens und Paracanthurus hepatus

-Zebrasoma flavescens und Paracanthurus hepatus beim Imponierkampf-

Deshalb setzte ich King zu seinem eigenen Schutz zunächst für einige Stunden mit Hilfe eines in der Vergangenheit schon oft erfolgreich genutzten Glaskäfigs (30x30x30) in das Hauptbecken. So konnten sich die angestammten und der neue Beckenbewohner zunächst einmal ohne Verletzungsrisiko beäugen. Die Zeitspanne des gegenseitigen Betrachtens verlief aber nur sehr kurz:

Unter Führung eines etwa 14 cm langen Zebrasoma flavescens, der eindeutiger Herrscher des Riffs ist, stürzten sich die Doktoren auf den Käfig, nahmen alle möglichen Imponierstellungen ein, stießen sich die Nasen am Glas und verloren dann jedoch schon nach wenigen Minuten scheinbar ihr Interesse. Der Palettendoktor „King“ schien über das ganze Gehabe erhaben zu sein – er legte sich einfach flach auf den Bodengrund und bewegte sich nicht. Sein einziges Interesse galt einer Felshöhle in seinem Blickfeld, die nur durch einen schmalen, etwa 4 cm breiten Spalt zugänglich ist und die er nun ununterbrochen anstarrte. Nach ungefähr 3 Stunden brach ich die Schutzmaßnahme ab und entließ „King“ in seine neue Heimat. 

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Auch Fische können schauspielern!

Hatten die anderen Doktoren bisher doch vorgespielt, kein Interesse an dem neuen Genossen zu haben, stürzten sie sich nun mit geballter Macht – wieder unter Führung des Zebrasoma flavens — gleichzeitig auf den Neuen, um ihn nach kurzem Imponiergehabe heftigst mit ihren Waffen zu malträtieren. „King“ machte seinem Namen keine Ehre – oder vielleicht doch, denn nachdem er den ersten tiefen Schnitt in seiner Flanke erlitt, raste der Palettendoktor auf die anscheinend breits aus dem Käfig heraus ausgewählte Rückzugsmöglichkeit zu und verschwand in ihr.

Zwei Minuten später ragte sein Kopf aus der Höhle. Und neugierig – fast mit einem ein wenig höhnischen Ausdruck (Verzeihung für diesen menschlichen Vergleich) — beobachtete er das Leben im restlichen Aquarium.

Die anderen Doktoren imponierten wie gehabt, konnten allerdings nichts erreichen, verloren scheinbar das Interesse und kümmerten sich nach kurzer Zeit nicht mehr um den Neuling.

Während der folgenden zwei Tage kam der Palettendoktor nicht aus seinem „Schutzraum“, er war jedoch ständig für die anderen Fische sichtbar – wenn auch nicht angreifbar.

Palettendoktor in seiner Höhle

noch immer kein Mut   ( 2. Tag)                            

Nach Ablauf dieser zwei Tage verließ „King“ während einer Fütterung zum ersten Mal seinen Unterschlupf. Nach zwei Minuten hastigen Fressens verzog er sich dann schnell wieder unbehelligt in seine Höhle.

Dieses Verhalten praktizierte er von nun an für die nächsten Tage bei jeder Fütterung, bis er plötzlich nach 3 Tagen zum Abschluss einer Fütterung nicht mehr in die Höhle zurückkehrte, sondern sich den anderen Mitbewohnern anschloss.

Diese hatten zwischenzeitlich jegliches Interesse an dem neuen Bewohner verloren: Während der Fütterungen hatten sie Wichtigeres im Sinn und während der Zwischenzeiten konnten sie ihm nichts anhaben — also ließen sie ihn in Ruhe.

Das war jetzt anders, der Neue war wieder angreifbar! Doch anders als beim Einsetzen von „King“ blieb es jetzt fast ausschließlich bei Drohgebärden: Die Skalpelle blieben ungenutzt, Imponieren musste reichen. Und jetzt machte der Palettendoktor mit. Deutlich abgemagert schoss er in rasender Geschwindigkeit auf die anderen zu, drehte kurz vorher ab und versetzte ihnen kurze Flossenschläge. So wurde der Konflikt dann ausgetragen und damit ad acta gelegt.

Es kam in der Folge nie mehr zu ernsthaften Verletzungen. Heute schwimmen alle Doktoren friedlich miteinander im Becken, nur noch der Zebrasoma Flavens und „King“ imponieren regelmäßig – um dann aber wieder friedlich nebeneinander Algenrasen abzuweiden.

Gelber Segelflossendoktor und Paletten Doktorfisch

Fazit

Es ist gelungen, einen bislang dominanten Fisch in eine neue Aquariengesellschaft mit ebenso wehrhaften Fischen umzusiedeln. Dies gelang jedoch nur, weil für die Eingewöhnungszeit eine geeignete Rückzugsmöglichkeit für den „Neuen“ bereitstand.

Zusätzlich gelang das Experiment nur deswegen so gut, weil der Palettendoktor eine clevere und ungewöhnliche Strategie an den Tag legte. Ungewöhnlich, weil eine solch lange „Schwimmpause“ für die Bewegungsgiganten Palettendoktoren sehr selten ist. Clever, weil durch die ständig sichtbare und gleichzeitig unangreifbare Präsens für die anderen Doktoren ein Gewöhnungs- und Akzeptanzprozess gefördert wurde, der dem Palettendoktor ein Überleben ermöglichte.

Übrigens: „King“ heißt jetzt nicht mehr so. – Meine Fische haben keine Namen.

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